Die Verschwörungstheorien des Islam(Ein Gastbeitrag von Schlernhexe, serbische Migrantin in Südtirol)Sure 2, Vers 191: “Und erschlagt sie (die Ungläubigen), wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung [zum Unglauben] ist schlimmer als Totschlag. …
Wie erklärt der Islamist die heutige wirtschaftliche, militärische und technologische Vorherrschaft des perfiden, ungläubigen Westens? Die komme daher, argumentiert er, dass die Muslime nicht mehr der wahren, traditionellen Form des Islam anhingen und sich die Ungläubigen hinterlistig die mangelnde Frömmigkeit der Muslime zunutze gemacht hätten. Diese Logik genügt freilich nicht für die Beantwortung der folgenden Frage: Warum ist die wahre Form des traditionellen Islam, die zu Zeiten Mohammeds und unmittelbar danach vorherrschte – die absolute Vollkommenheit, derzufolge die Weltherrschaft nur dem wahren Gläubigen, dem Muslimen, zustand – untergegangen? Wie kann eine überlegene Kraft unterlegenen Kräften unterliegen? Hier kommt das zweite Denkmodell, neben dem Islam, zum Zuge, mit dem die Araber ihre Probleme erklären: die Verschwörung.
In der Geschichte des Islam und der arabisch-islamischen Völker wimmelt es von Verschwörungen und Komplotten. Man verschwor sich gegen Mohammed, so der Koran, und Mohammed hatte wenig Skrupel bei der Bestrafung der Verschwörer. Die Geschichte der Periode unmittelbar nach Mohammeds Tod zeichnet sich durch eine ganze Kette von Morden einander bekämpfender Konkurrenten um die Macht, seiner Nachfolger, aus.
Die Staatsstreiche in der arabisch-islamischen Welt lassen sich kaum zählen. Machthaber dort sind sich bewusst, dass im Dunkeln stets an ihren Stuhlbeinen gesägt wird – oft sind sie selbst auf diese Weise an die Macht gekommen –, und lassen ihre Geheimdienste jede potenzielle Gefahr mit Stumpf und Stil eliminieren. Dissidenz ist in der arabischen Welt lebensgefährlich. Die Gefängnisse quellen über von politischen Gegnern der Regimes, auch in den als gemäßigt geltenden Ländern Marokko und Jordanien, und es ist erstaunlich, dass jede Generation wieder mutige Menschen hervorbringt, die bereit sind, auf Kosten ihrer persönlichen Freiheit gegen die autokratischen Herrscher aufzubegehren.
Diktaturen und Verschwörungen sind zwei Seiten ein und desselben Phänomens. Und da alle arabisch-islamischen Länder, das eine mehr, das andere weniger, Diktaturen sind, ist die Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien bei Herrschern wie Beherrschten besonders groß.
Auch im heutigen Irak, wo zum ersten Mal eine freie arabische Presse entstanden ist, sind viele für den Gedanken aufgeschlossen, dass allen Missständen, Problemen und Anschlägen westliche Verschwörungen zugrunde liegen. In der neuen Öffentlichkeit wird darüber begierig berichtet. Diesen Theorien zufolge begehen Amerikaner oder Mossad-Agenten Anschläge, um dann der Al Qaida und damit dem Islam die Schuld in die Schuhe zu schieben. In den Verschwörungstheorien geht es um Hass gegen den Westen und nicht um Logik.
Das ist nicht neu. Bernard Lewis, der bedeutendste Arabist des Zwanzigsten Jahrhunderts, schrieb, dass die Atmosphäre in der arabischen Welt in den fünfziger Jahren geprägt gewesen sei vom „Hass auf den Westen und vom Wunsch, ihn zu verjagen und zu demütigen“. Und über die magische Welt der Verschwörungen schrieb er: „In der Dämmerwelt der populären Mythen und Bilder ist der Westen die Quelle allen Übels.“
Ein anderes Beispiel für den zeitlosen arabischen Hass auf den Westen gibt einer der wichtigsten Ideologen des Islamismus ab: der Ägypter Sayyid Qutb, der 1966 auf Befehl Abdel Nassers gehängt wurde. Qutbs persönliche Erfahrungen in den USA Ende der vierziger Jahre veranlassten ihn, den Westen zu verabscheuen. Qutb besuchte damals das prüde Amerika Trumans, das sich, im Gegensatz zu Frankreich und Großbritannien, noch in keinster Weise als politischer Faktor im Nahen Osten profiliert hatte. Qutb hielt sich einige Zeit in Greeley, Colorado, auf, einem von strenggläubigen christlichen Utopisten gegründeten, konservativen Städtchen, in dem Alkohol verboten war. Doch Qutb sah etwas anderes. So beschrieb er in „Das Amerika, das ich sah“ die amerikanische Lasterhaftigkeit: „Die amerikanische Frau kennt sich gut aus mit dem verführerischen Vermögen ihres Körpers. Sie weiß, dass es um ihr Gesicht geht und um ihre ausdrucksvollen Augen und durstigen Lippen. Sie weiß, dass es beim Verführerischsein um volle Brüste geht, um ein festes Gesäß, wohlgeformte Schenkel, schlanke Beine – und sie weiß dies alles und versteckt es nicht.“ Aus dieser Beschreibung spricht das schizophrene Verlangen des frommen islamischen Mannes nach ebendieser verbotenen Unzüchtigkeit, die Qutb hassen musste, um ihr nicht zu erliegen.
Die gravierendsten Menschenrechtsverletzungen in Nord-afrika und im Nahen Osten fanden im islamischen Sudan, in Algerien, im khomeinistischen Iran, in vielen anderen islamischen Ländern statt. Millionen von Menschen sind dabei ums Leben gekommen, doch den arabischen Mann auf der Straße berührte das nicht. Wohl aber die im Vergleich dazu weitaus weniger schlimmen Menschenrechtsverletzungen durch Nichtmuslime, nämlich durch Israel in den Palästinensergebieten und durch die Amerikaner im Irak. Die Missstände im Gefängnis Abu Ghraib, die zeigen, dass auch die Bürger und offiziellen Instanzen eines Rechtsstaates zu Widerwärtigkeiten imstande sind, fanden massive Beachtung, obwohl solche Missstände in einem weitaus größeren Ausmaß in den meisten arabischen Gefängnissen zum Alltag gehören. Die Demütigung durch einen Ungläubigen ist unvergleichlich viel schmerzlicher, tiefer und unverzeihlicher als die Demütigung durch einen Muslim.
Das enorme Gefälle zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt in punkto Wohlstand, Macht und Freiheit hat die klassische islamische Vorstellung vom kontinuierlichen Kriegszustand zwischen dem Haus des Islam und dem Haus des Krieges (der nichtarabischen Welt) untermauert. Der Westen mag zwar die Macht haben, ist jedoch aufgrund der Gleichheit von Mann und Frau, der Hingabe an profane Genüsse und der mangelnden Hinwendung zu Gott pervertiert und verweichlicht. Satanisch verführt der Westen den islamischen Gläubigen, ebenfalls zu einem derart verweichlichten und dekadenten Abtrünnigen zu werden. Abtrünnigkeit ist in einem tribalistischen Umfeld eine Todsünde.
Daher ist der Westen „der Feind“.