
Islam:Ägyptischer Islamkritiker Abu Zeid ist tot
Der umstrittene Philosoph war der Apostasie angeklagt.
Kairo:Der ägyptische Schriftsteller Nasr Abu Zaid, einer der liberalen Intellektuellen des modernen islamischen Denkens,
ein großer Verfechter der Religionsfreiheit glaubte, dass "die individuelle Freiheit eine
wesentliche Voraussetzung des Glaubens ist".
Wer den Islam kritisiert, spielt mit seinem Leben. Morddrohungen mussten schon viele Journalisten,
Redakteure, Schriftsteller und Politiker über sich ergehen lassen,
was Gott sei Dank aber der Kritik an der Auslegung des Islam
und des geschriebenen Wort Gottes im Koran keinen Abbruch tat.
In den neunziger Jahren lenkte ein Mann viel Aufmerksamkeit auf sich.
Er wurde verbal hart angegriffen und erhielt Morddrohungen.
Plötzlich galt der Gelehrte, übrigens selbst Muslim, als Abtrünniger.
Die Rede ist von Nasr Abu Zeid, der in den neunziger Jahren den Koran kritisch betrachtete
und auch von anderen forderte, endlich zu erwachen und mit der Zeit zu gehen,
als starr nach den Regeln des Korans zu leben, ohne über den Tellerrand zu schauen.
Abu Zeid stellte dabei keinesfalls in Frage, ob Gott Muhammad
seine Offenbarungen durch den Erzengel Gabriel verkünden ließ.
Er gab lediglich zu bedenken, dass das Geschriebene im Koran ein Werk von Menschenhand ist,
was nichts Göttliches mehr hat und damit sehr wohl kritisiert
und für moderne Zeiten passend interpretiert werden darf.
Obwohl er mit seiner Kritik wirklich Recht hat, wollte ihm keiner zuhören,
zumindest nicht in der arabisch-islamischen Welt. Seine Worte klangen zu blasphemisch.
Es war einfacher, ihn als Abtrünnigen zu bezeichnen, als sich mit der harten,
aber gerechtfertigten Kritik auseinanderzusetzen.
Wenn man bedenkt, dass die Offenbarungen Gottes zwar bereits als Schriftensammlung
vor dem Tod Muhammads bestand, aber erst unter seinem ersten Nachfolger,
dem Kalifen Abu Bakr in einem Band zusammengefasst worden war,
macht das bietet das wohl schon Möglichkeiten zur Kritik und zum Hinterfragen.
Abu Zeid, der die heilige islamische Quelle also literaturkritisch und historisch untersucht hat,
musste in Ägypten um sein Leben bangen. Als Abtrünniger gilt man in islamischen Gesellschaften als vogelfrei.
uch von seiner Frau wurde er zwangsgeschieden. Doch die beiden ließen sich nicht einschüchtern.
Sie emigrierten in die Niederlande, wo Abu Zeid auch an der Universität unterrichtete.
Erst seit fünf Jahren konnte der Islamkritiker wieder
auf Familienbesuche zurück in seine Heimat, was die Veränderung der
islamischen Gesellschaft durchaus aufzeigt. Seinen letzten Besuch in Kairo jedoch
hat er anders beendet: Er starb im Alter von 67 Jahren an einem bisher noch unbekannten Virus,
an dem er schon längere Zeit litt.
Quelle:www.tg1.rai.it

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